
Transformationen hin zu Nachhaltigkeit werden meist über Verhaltensänderungen sowie institutionelle und systemische Prozesse gedacht, wie etwa in den Berichten von IPCC und IPBES. Die Umweltpsychologie erklärt Verhalten über Werte, Normen und Intentionen (Klöckner 2013), neuere Ansätze beziehen auch subjektives Erleben ein (Frank et al. 2024). Doch eine grundlegende Frage bleibt oft unbeachtet: Wie kommt es überhaupt dazu, dass Wirklichkeit als bedeutsam, selbstbezogen und handlungsleitend erscheint?
Hier setzt diese Arbeit an. Sie entwickelt einen epistemischen Rahmen, der untersucht, wie Wirklichkeit im Erleben genommen und konstruiert wird – und wie dies Wahrnehmung, Bedeutung und Handeln prägt (Dahl et al. 2015; Dorjee 2016; Lusthaus 2002). Im Zentrum steht die Frage, wie sich durch Verschiebungen in dieser „Weise des Nehmens“ verändert, was als real, relevant und handlungsfähig erscheint.
Der Ansatz baut auf früheren Arbeiten zur Self-Sustainability auf, die zeigen, wie Orientierungen wie Selbsttranszendenz mit nachhaltigem Engagement zusammenhängen (Stark et al. 2025). Gemeinsam verweisen diese Perspektiven auf eine tiefere Ebene der Nachhaltigkeitsforschung: nicht nur, was Menschen denken oder erleben, sondern wie Situationen überhaupt als real und handlungsrelevant erscheinen. In diesem Sinne kann epistemische Orientierung als ein tiefer Hebel für Nachhaltigkeitstransformationen verstanden werden (Brück et al. 2022).
Das Wisdom-Forests-Projekt untersucht, wie Waldökosysteme Prozesse wie Wachstum, Zerfall, Interdependenz und Veränderung unmittelbar erfahrbar machen können. Anders als abstrakte Konzepte sind diese Prozesse im Wald direkt beobachtbar.
Im Zentrum steht die Frage, ob und wie solche Prozesshinweise Reflexion über eigene Erfahrungen und Weisen des Sich-Beziehens anstoßen können. Eine erste Pilotstudie in Norwegen kombiniert angeleitete Beobachtung mit der Übertragung auf das eigene Leben. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass Teilnehmende Veränderung und Interdependenz nicht nur in der Umwelt, sondern auch im eigenen Erleben wahrnehmen und dadurch Perspektivverschiebungen erfahren.
Über individuelle Effekte hinaus untersucht das Projekt auch die kulturelle Rolle von Wäldern. Wenn Wälder nicht nur als Ressource oder Erholungsraum verstanden werden, sondern als Orte, an denen grundlegende Prozesse des Lebens sichtbar werden, könnten sie eine neue Funktion im gesellschaftlichen Kontext einnehmen und zu Nachhaltigkeitstransformationen auf einer tieferen Ebene beitragen.
Das Projekt ist eine Anwendung des übergeordneten epistemischen Rahmens und wird durch konzeptionelle, empirische und anwendungsbezogene Arbeiten in Bildung und Organisationen weiterentwickelt.
Diese Arbeit ist Teil eines fortlaufenden Versuchs, konzeptionelle, erfahrungsbezogene und ökologische Perspektiven in der Nachhaltigkeitsforschung zu verbinden. Das Projekt befindet sich aktuell in einer Aufbauphase.
Wir freuen uns über interdisziplinäre Kooperationen sowie über Möglichkeiten, diese Arbeit in geeigneten Forschungs- und Förderkontexten weiterzuentwickeln.